Leinwand oder Papier bilden das Geschehen der Malerei vor dem Betrachter ab. Als Fixpunkte in einer Reihe von Reflektionen über Mittel und Ausdruck besitzen Werke der Kunst eine Art objekthafte Statik, setzen sie Eckpunkte im Fluß geistiger Auseinandersetzung. Als Produkt dieser Auseinandersetzung destilliert das Werk Gedanken und vermittelt gleichzeitig den Vorgang der Entstehung, manchmal nachvollziehbar, manchmal nicht. Das jeweils gewählte Format steckt Grenzen ab, die gedanklich überschritten werden.


Andreas Wolf schafft eine Malerei, die dem Fluß der Gedanken folgt, mit kalkuliertem Zufall arbeitet: Farbe, Flächen und grafisch-lineare Elemente bilden eine fein verknüpfte Komposition, die nach und nach prozesshaft entsteht. Flächen, die den Pinselduktus sehen lassen und glatte, monochrome Farbflächen bilden ein fein gewebtes Geflecht von Malerei, die keine gegenständliche Abbildung sucht. Zufall, Unbewußtes und bewußt Gesteuertes verbinden sich in Wolfs Malerei zu einem Bildteppich, der keine Tiefe und dreidimensionale Raumerfahrung abbildet, sehr wohl sich aber in verwobenen Schichten auf dem Malgrund ereignet. Wie Farbinseln verteilen sich Farbe und Linie auf der Leinwand, suchen die Verbindung zueinander und bilden ein unauflösbares Ganzes. Die Kompositionen entstehen dabei im Prozeß des Malens, sind nur im Ansatz vorgedacht und spontan dem Einfühlungsvermögen und der Imagination des Malers unterworfen. Anders bei den kleinen Arbeiten und Arbeiten auf Papier, die alle mit Bleistift vorgezeichnet und kompositorisch durchgeplant sind.
Die Bilder entwickeln beim Malakt trotz ihrer verhältnismäßigen Kleinteiligkeit eine gewisse Opulenz, die das Bildformat zu sprengen scheint. Das scheint jedoch nur so, denn schließlich ist das gewählte Bildformat bewußt begrenzt und die Komposition nimmt Rücksicht darauf.
Wir sehen Arbeiten aus den letzten vier Jahren, die deutlich machen, daß hier Malerei geschieht, die dem gleichen Impuls, jedoch unterschiedlichen Herangehensweisen folgt. Die älteren Arbeiten halten die Farbvaleurs im Großen und Ganzen auf der gesamten Malfläche und leben von starken Komplementärkontrasten. Die Vielschichtigkeit der Malerei erschließt sich dabei erst im Nachvollziehen der Arbeit. Gerade die neueren Arbeiten zeigen eine Hinwendung zu weniger opulenter Formenvielfalt und zu weniger dafür aber deutlicheren Farbkontrasten unter Einbeziehung von einzelnen Leuchtfarben. Auch das Weiß des Malgrundes wird stärker als Formelement ins Bild einbezogen und zusätzlich als Farbe genutzt. Aufrisse, Verschiebungen und Gitterstrukturen verselbständigen sich stärker - die Komposition gewinnt an Luft, an Klarheit und an einem diffizileren Gleichgewicht.
Das große Glasbild behauptet sich gegen die beinahe sakrale Glaskunst der 50er Jahre hier in den schönen Räumen der Stadtgalerie im Rathaus besonders gut. Die Transparenz der beiden Bilder, die man beim Umrunden gegeneinander setzen kann, beherrschen den Raum mühelos. Man würde sich wünschen, daß in naher Zukunft ein Ort für die Stadtgalerie gefunden wird, der mit den Ambitionen der Stadtspitze, Kulturhauptstadt zu werden, korrespondiert.
Wolfs Bildwelt folgt ihren eigenen Gesetzen und hat auf den Betrachter die beunruhigende Wirkung einer Urwaldexpedition, bei der man nicht vorhersehen kann, was im nächsten Augenblick geschehen wird. Eine wunderbare Malerei aus fließender Bewegung und abrupter Veränderung lassen den Prozeß des Malens als
ein Ineinandergreifen verschiedenster, teils widersprüchlicher Ansätze und Denkbarkeiten transparent werden. Auf den Erfahrungen der Moderne fußend, ist sich Andreas Wolfs Malerei der Kunstgeschichte, zumal des 20. Jahrhunderts, sehr bewußt. Gerade deshalb jedoch beharrt sie eigensinnig auf einer Eigenständigkeit des Ausdrucks und ist vor allen Dingen dem Sehen und Denken verpflichtet, das seine eigenen Wege geht. Wolfs Arbeiten behaupten sich in ihrer spielerisch-programmatischen Entwicklung und Darlegung grafischer und malerischer Grundelemente. Ungegenständliche Malerei at its best – sonst nichts.
Martin Stather

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Zur Apologie ungegenständlicher Malerei

Raum und Relation

Andreas Wolfs ungegenständlichen Bilder

von Anna E. Wilkens

Dies sind ein paar Gedanken dazu, warum und inwiefern ungegenständliche Malerei wichtig und notwendig ist, in welcher Weise ungegenständliche Malerei etwas für das menschliche Leben Wichtiges und Bedeutungsvolles leisten kann.

Was Kunst überhaupt von anderen Formen kulturellen Lebens unterscheidet, ist sicherlich eine für sie notwendige Verbindung von Körper und Geist; Kunstgegenstände sind solche, die wahrgenommen werden können, also eine sinnliche Seite haben, und gleichzeitig auf den Geist der Rezipierenden oder Teilnehmenden oder Schaffenden wirken, also eine ideelle Seite haben.

Wenn wir davon ausgehen, dass Bilder bedeutungsvoll sind, dann folgt daraus, dass ein Bild entweder aus intelligiblen Zeichen besteht oder in seiner Gesamtheit ein solches ist.
Es geht im ungegenständlichen Bild aber gerade nicht um lesbare Zeichen, sonst wäre es nicht ungegenständlich, sondern allenfalls abstrakt. Die Bedeutung des ungegenständlichen Bildes liegt jenseits einer durch Zeichen gebildeten Aussage, es ist nicht ein Satz von Zeichen, der eine Aussage bilden würde, eine Geschichte oder eine sprachlich vermittelbare etwa philosophische Wahrheit, die aus Bildmitteln in Sprache übersetzt werden müsste, sondern das ganze Bild ist diese Wahrheit.
Diese Wahrheit ist die Relationalität, ohne die kein Bild auskommt - auch kein irgendwie abbildendes als gegenständliches oder abstraktes, ohne die es gar kein Bild ist. Umgekehrt: Was in einem Bild immer enthalten ist, ist die Beziehung aller Elemente im Bild zu allen anderen, die erst in ihrem Zusammenwirken ein Bild ausmachen, das Bild sind. Das muss man sich so vorstellen, dass nicht erst alle Einzelelemente da sind, die dann in eine Beziehung zueinander treten, sondern ohne die Beziehung, das Zwischen, das zwischen allen Farben, Linien, Flächen Liegende ist das Bild gar nicht, die Relationalität, das Beziehungsgeflecht ist nicht eine conditio sine qua non, sondern die conditio per quam.
Das Bild geht hierbei über die Zweidimensionalität hinaus. Die Fläche wird zum Raum zum einen durch das Übereinanderliegen der Farbschichten. Dies ist mehr oder weniger gut sichtbar auf verschiedenen Bildern; bei einigen jedoch ist die Materialität der Farbe selbst konstitutiv für die Bildwirkung. Zum anderen entsteht durch die Anordnung der Farbflächen Raumwirkung. Drittens steht (hängt) das gemalte Bild in einem räumlichen Kontext. Allerdings ist das Bild nur mittelbar in der Zeit, es hat zwar Teil an zeitlichen Abläufen - des Schaffens und der Rezeption - ist aber doch Gegenstand.

Bilder haben also immer einen Kontext, weil sie sich im Raum befinden, wie auch immer dieser Kontext aussehen mag, das Bild geht eine Beziehung zu ihm ein, es ist also mehr als nur das innerhalb des tatsächlichen oder gedachten Rahmens sich Befindende. Es breitet sich im Raum aus. Alle Betrachtenden werden so zu einem Teil des Kontextes des Bildes, geraten in die Einflusssphäre des Bildes und werden so gewissermaßen selbst Teil des Bildes und seiner Relationalität.

Für den Schaffensprozess gelten ähnliche Prinzipien der Ausweitung, oder besser: des Ausgebreitetseins, der Öffnung in die Umgebung hinein, denn ein Kunstwerk ist immer ein kollektives Ereignis, indem sich sowohl die Kunstschaffenden wie auch die Betrachtenden in einer Gemeinschaft von Menschen befinden, in ihr aufgewachsen, von ihr geprägt sind. Diese Prägung ist prozesshaft und unabgeschlossen, unendlich also. Auch während des Malens wirkt diese Prägung nicht nur, sondern sie erfolgt. Alles Bildererschaffen und -rezipieren ist immer sowohl bedingt als auch performativ, also in seiner Aktualisierung sich und die Umgebung verändernd. Ein Kunstwerk, ein Bild, ist ein Gegenstand, das aus einem Prozess entspringt, der viel mehr einbezieht als nur das Malen; als gemaltes ist das Bild ein Gegenstand, der sich ebenfalls in einem Prozess befindet, dem des Rezipierens und dem der Kommunikation zwischen Bild und umgebendem Raum und Betrachtenden, und so, indirekt allerdings, zwischen der gesamten Welt der Malerin und der gesamten Welt der Betrachterin.
Zum Abschluss: ungegenständliche Malerei ist sicherlich nicht notwendig zur Lebenserhaltung, nimmt aber innerhalb kultureller Erscheinungen einen herausragenden Platz ein; dort ist sie unersetzlich, weil keine andere Praktik in gleicher Weise die Relationalität des Partikularen, das Verbundensein in der Vielheit des Verschiedenen zeigen und sein kann. Gerade durch das Nicht-Zeichenhafte der Farben, Linien, Flächen, Strukturen ist die ungegenständliche Malerei entfernt vom Begrifflichen und hat so Raum für das Nichtidentische, das Viele und für das Faktum, dass dieses Viele immer schon beziehungshaft verbunden ist.


Ungegenständliche Malerei

Ein Bild verstehe ich als ein Gegenüber, auf dessen Oberfläche Farbe aufgetragen wird.

Wird in einem Bild nicht versucht eine gegenständliche Welt darzustellen oder eine innere Empfindung auszudrücken, so bezeichne ich dieses als ein ungegenständliches Bild.

In diesem Verständnis sind meine Bilder ungegenständlich.

Bei der Formfindung arbeite ich mit zwei Herangehensweisen:

1. Ich entwickle das Bild aus dem Malprozess heraus. Es gibt keine vorgefertigte Komposition, sondern ich reagiere auf das, was aus der Fläche heraus entsteht.

2. Ich zeichne eine Skizze, übertrage sie auf den Bildgrund, und entwickle daraus das Bild.

Bei beiden Herangehensweisen sind die Elemente der Bildkomposition wie Formen, Farben, Flächen und Figur-Grund-Darstellung der Entwicklung eines sich auf sich selbst beziehenden Bildraumes untergeordnet. Ich erfinde diesen Bildraum in jedem Bild neu, der Malprozess ist dazu da, zu erfahren inwieweit ein Bild mit seinen neu erfundenen Bildelementen in sich schlüssig wirkt. Ziel des Malprozesses ist hier nicht, die Bildelemente an sich in eine kontrastierende oder harmonisierende Beziehung zueinander zu setzen, sondern der Versuch, eine Relationalität der Einzelelemente innerhalb eines Bildes zu erschaffen. Es geht also nicht um die Entwicklung eines „Stils“ oder einer „Formensprache“, sondern um den Versuch der Darstellung eines grundlegenden alltäglichen Prinzips, nämlich der grundsätzlichen Beziehungshaftigkeit aller Dinge in der Welt.

Bei der Entwicklung des Bildraumes versuche ich möglichst komplexe Beziehungen der Einzelelemente untereinander herzustellen. Der Malauftrag ist eher langsam als schnell, eine gestische Anmutung unterbreche ich durch gezielt langsamen Farbauftrag.
Meine ungegenständlichen Bilder haben bisher, bis auf Ausnahmen, keinen Titel. Ein Titel ist eine genaue begriffliche Bezeichnung, die das Bild festlegt und dadurch die möglichen Beziehungen im Bild und des Bildes mit seiner Umwelt bestimmen würde.
Ungegenständliche Bilder bergen die Möglichkeit der Entdeckung immer wieder neuer Sehweisen in sich.

Andreas Wolf

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